Das unternehmerische Selbst

„Jeder ist seines Glückes Schmied“ – das unternehmerische Selbst nimmt diesen Satz besonders ernst. Wer keinen Erfolg hat, ist in dessen Augen selbst dran schuld: Verpasste Chancen, kein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Abwarten und Ausharren kommen für das nie rastende Selbst nicht in Frage. Im Gegenteil: Es sieht sich selbst als Unternehmen, das optimiert und geführt werden kann. Oder auch muss, um das eigene Kapital stetig zu vermehren und dem eigenen Leitbild gerecht zu werden. 
Das unternehmerische Selbst ist demnach ein Leitbild und keine Identität, die jeder Mensch einfach annehmen kann. Es ist als Subjektform zu verstehen, die jeden oder jede anruft. Man ist also kein unternehmerisches Selbst, sondern soll es werden. Verfolgt ein Mensch das Leitbild des unternehmerischen Selbstes, so strebt dieser Selbstverwirklichung, aber auch wirtschaftlichen Erfolg an. Der Erfolg wird dabei als Mittel zum Zweck (der Selbstverwirklichung) verstanden. Dass dabei Arbeits- und Privatsphäre verschwimmen, ist für das unternehmerische Selbst unvermeidbar. Schließlich muss es sich im Konkurrenzkampf mit anderen Unternehmern beweisen, stets aktiv sein und sich selbst optimieren, um ja keine Chance auf Erfolg zu verpassen. Drohende Arbeitslosigkeit ist für das Selbst ein Graus!
Diesem Stress ist das unternehmerische Selbst dauerhaft ausgesetzt. Vor allem, da die gesellschaftlichen Anrufungen und Erwartungen in dessen Augen so hoch sind, dass es diesen nie gerecht werden kann. Egal, wie viel es tut: Es reicht nie aus und geht immer besser. Nicht gut genug zu sein ist daher ein Gefühl, das dem Selbst täglich im Nacken sitzt. Von diesem Gefühl und dem eigenen Ehrgeiz angetrieben, hetzt es daher die vermeintliche Siegertreppe immer weiter hoch: schneller, höher, besser!